Unsere Eisenbarth-Orgel
Über die Philosophie einer Orgel
Man
wird bei dieser Themenstellung sogleich auf viele gegensätzliche Ansichten
treffen, die aus jeder Sichtweise mehr oder weniger emotional verteidigt werden.
Was ist Orgelbau heute? Was meinen wir, bzw. was erwarten wir von einer bedeutenden
Orgel des ausgehenden 20. Jahrhunderts? Soll sich deren Stil an unserer pluralistischen
Gesellschaft orientieren und sich eine der zahlreichen Nischen suchen, um eine
klare Ausprägung zu erzielen? Oder führen die Einbeziehung vielfältiger
Aspekte und die daraus resultierenden Überschneidungen zu einer Verflachung
oder gar zu einem Konglomerat?
Man sollte nach dem Wesen der Orgel fragen. Maurice
Duruflé schreibt in einem Aufsatz, "daß es nutzlos sei, Orgeln
in der Weise zu bauen, wie man es 300 Jahre früher tat," und an anderer
Stelle: "Jede Orgel muss ein in sich geschlossenes Kunstwerk sein, intoniert
und abgestimmt auf den jeweiligen Raum und seine Akustik."
Sicher könnte man einwenden, daß die
Orgel ein Werkzeug ist und auf Grund ihrer Funktion und Abhängigkeit von
physikalischen und architektonischen Grundsätzen in den Bereich des Kunsthandwerks,
also der angewandten Kunst gehört; sie dient jedoch der Musik, der freiesten
aller Künste.
lm Gegensatz zum Schauspieler, der seine Person
als Medium der Darstellung einsetzt, setzt der Organist das Instrument Orgel
zur Darstellung der Komposition ein. Der Interpret erfüllt erst die Komposition
mit Leben und Seele, indem er dem Hintergrund durch das sinnlich Hörbare,
den Tönen und Harmonien Konkretheit und Anschaulichkeit verleiht. Allerdings
ist es Sache des Hörers, die Ganzheit der Komposition, den sukzessiven
Aufbau nachzuvollziehen.
"Das Kunstwerk muss
auf den Menschen als Einheit des Vielfältigen wirken", schreibt Goethe.
Und an anderer Stelle: "Aber der Mensch ist nicht nur ein denkendes, er ist
zugleich ein empfindendes Wesen. Er ist ein Ganzes, eine Einheit vielfach verbundener
Kräfte. Und zu diesem Ganzen des Menschen muss das Kunstwerk reden."
Aufgabe des Orgelbauers ist es daher, dem Interpreter
das entsprechende Instrument an die Hand zu geben, mit dem er quasi in einer
Kunst zweiter Ordnung zu Ende formt.
Um die Organisten in ihren Gestaltungsmöglichkeiten
und bei der Literaturauswahl nicht einzuschränken, galt es zunächst
im engen Einvernehmen mit den verantwortlichen Organisten ein schlüssiges
Konzept zu erarbeiten; denn der Organist wird immer eine Orgel aus einem anderen
Blickwinkel betrachten wie der Orgelbauer.
An dieser Stelle sei den Herren J. Putz, C. Windeshausen,
Hochwürden Dekan Léon Kirsch sowie den Damen und Herren des Orgelbauvereins
sehr herzlich für die hervorragende Zusammenarbeit gedankt.
Von Anfang an waren wir uns einig, dog wir den
Mut aufbringen müssten, von mancher Regelästhetik abzuweichen, die
uns hindern würde, ein echtes Unikat entstehen zu lassen. Der Erfahrungsbereich
aus dem süddeutsch-romanischen Raum sowie die Werkstatt-Tradition des Orgelbauers
bildeten für die Realisierung des Klangkonzeptes die Grundprinzipien, welche
dann auf die spezifische Situation in dieser Kirche angewandt wurden.
Einen weiteren wichtigen Aspekt stellte für
uns die Methodik der Weiterführung der klassischen Orgel so bedeutender
Orgelbauer wie A. CavaiIIé-Coll oder der Gebrüder Serassi dar, welche
im Sinn einer Fortschreibung ohne wesentlichen Bruch zur roman- tisch-sinfonischen
Klanggestalt hinführte.
Folglich traten zu den Prinzipalchören fast
gleichwertig in sich deutlich kontrastierende Flötenchöre und Streicher
hinzu, die durch Einzelaliquoten ergänzt werden. Für die Zungenstimmen
waren uns nur französische bzw. spanische Klangelemente maßgebend.
Die Mensuren wurden in frei-variabler Manier entsprechend
den akustischen Verhältnissen und der Eigencharakteristik der einzelnen
Stimmen so entwickelt, dass unter Vermeidung von Spaltklängen vielfältige
Mischungen mit immer neuen Klangfarben entstehen.
Stilistisch ausgeprägter Orgelbau war zu
allen Zeiten landschaftsbezogen, wobei aber bei 'werkstattfernen' Aufträgen
selbst bei den bedeutendsten Meistern auf die jeweiligen Besonderheiten der
Region Rücksicht genommen wurde. Für uns war es kein Problem, der
Situation Luxemburgs gerecht zu werden, da wir in der Grenzregion Passau
seit Jahrhunderten ähnliche kulturgeschichtliche Verhältnisse haben:
Traditioneller bodenständiger Orgelbau mit
deutlichen Einflüssen zunächst aus ltalien und später auch aus
Frankreich.
Eine weitere Herausforderung bedeutete die Gestaltung
des Prospektes und des Gehäuses im Zusammenhang mit der Orgelanlage. Eine
Orgel, die an der Stelle des Hochaltars ihren Platz findet, ist ständig
im Blickfeld der Gemeinde und kann m. E. nur in strenger Symmetrie gestaltet
werden. Hinzu kam die Auflage, dass das Gehäuse im Hintergrund das neu-
gotische Joch und das dahinter einfallende licht teilweise sichtbar - zumindest
spürbar - erscheinen lässt, wobei das Hauptgehäuse (Frontbereich)
noch in dieses Joch eingeschnitten werden musste.
Als Gestaltungsgrundlage diente eine klassische
Orgelanlage mit dem Hauptwerk in der Mitte oben, dem darunter liegenden Positiv
direkt über der Spielanlage und den beiden Pedaltürmen jeweils außen.
Um die Mittelachse stärker herauszuheben, wurde der Hauptwerks-Mittelturm
mit drei Pfeifen der Ogenflöte 1 6' besetzt, die mit "moteurs pneumatiques'
angesteuert werden. Hinter dem Hauptwerk steht auf gleicher Ebene das Schwellwerk,
dessen Kasten aus massivem 65 mm dickem Eichenholz besteht. Seitlich des Schwellwerks
tiefer gelegt sind die beiden Großpedalladen mit den Tönen C - F
der Offenflöte 16' und C - H der Bombarde 16'.
Die Tontraktur ist vollmechanisch und nach modernen,
strömungstechnisch relevanten Kriterien konstruiert, die Registertraktur
rein elektrisch. Der Windversorgung dienen Ladenbälge, die durch Holzkanäle
mit zwei Faltenbalgen verbunden sind. Es zeigt sich wieder einmal mehr, wie
wichtig die Entscheidung großer bedeutender Meister des 19. Jahrhunderts
war, an der Schleiflade festzuhalten, da Artikulationsfähigkeit und Klangverschmelzung
bei diesem System unübertroffen und gerade für eine sinfonische Orgel
von eminenter Bedeutung sind.
Der Klang dieser Orgel soll Geist und Phantasie
Raum geben, um auch der Epoche des 19. und 20. Jahrhunderts gerecht zu werden;
denn heute sollte uns wieder das Vielschichtige faszinieren, der Glaube an ldeen
und Phänomene der schöpferischen Welt, weil damit der beim heutigen
Menschen oftmals verdrängte oder verschüttete Gefühlsbereich
angesprochen wird und zu mehr Spiritualität führt.
Das 19. Jahrhundert - leidend und groß nennt
es Thomas Mann - ist so reich an Schöpfungen der Literatur und Malerei
und kulminiert in der Musik, die auch im religiösen Bereich zu gewaltigen
Höhepunkten gelangt war, so dass deren Ausstrahlung auch bei bedeutenden
Komponisten des 20. Jahrhunderts noch zu spüren ist.
Auch wenn in unserer Zeit immer wieder Versuche
unternommen werden, den überkommenen Kunstbegriff zu verwischen, Leben
und Kunst identisch werden zu lassen, so sollte man sich von dieser nur rationalistischen
Denkweise nicht beirren lassen, sondern es mit Goethe halten': 'Nur aus innig
verbundenem Ernst und Spiel kann wahre Kunst entspringen.'
Wolfgang Eisenbarth
Orgelbaumeister Passau